„Früchte einer wunderbaren Gemeinschaftsaktion“

Thomas Kraft ist Sprecher von Hoffnung für Osteuropa und Mitarbeiter des Ökumene-Dezernats im Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche im Rheinland.

DREI FRAGEN AN Thomas Kraft, Sprecher von „Hoffnung für Osteuropa“, zum 30-jährigen Bestehen der Hilfsaktion und zu den künftigen Herausforderungen.


Herr Kraft, seit 30 Jahren gibt es die kirchlich-diakonische Aktion
„Hoffnung für Osteuropa“ (HfO). Was sind aus Ihrer Sicht markante Beispiele für den Erfolg der bisherigen Arbeit?
Thomas Kraft: Vielleicht kann ich anhand dieser Beispiele auch schon eine Entwicklung der Aktion aufzeigen. Während wir in der ersten Zeit Projekte wie eine Lagerhalle für Hilfsgüter und Equipment für den Katastrophenschutz auf dem Gebiet der Reformierten Kirche in der Karpato-Ukraine finanziert haben, wurden dort später mithilfe unter anderem von HfO die Gründung und der Betrieb eines Tagesheims für Kinder mit Behinderung finanziert. In Rumänien ist die Gründung des ersten Kinderhospizes überhaupt in diesem Land gelungen und hat als Leuchtturmprojekt weitere solcher Einrichtungen nach sich gezogen. Aktuell kann ich über die Anschaffung eines Pflugs für die Reformierte Kirche in der Karpato-Ukraine berichten, der im Herbst 2023 vom Niederrhein dorthin geliefert wurde, finanziert mit Mitteln des Gustav-Adolf-Werks und von HfO. Mit seiner Hilfe können schon bald die Früchte einer wunderbaren Gemeinschaftsaktion geerntet werden und Segen bringen.

Blick auf die Kirchenburg Michelsberg in Siebenbürgen.
Blick auf die Kirchenburg Michelsberg in Siebenbürgen.

Beim Treffen in Rumänien im vergangenen Herbst ging es auch um die Neuausrichtung der Aktion – weg von Ad-hoc-Hilfslieferungen früherer Tage hin zur nachhaltigen Lösung sozialer Probleme. Wie kann diese Neuausrichtung gelingen?
Kraft: Während der Tagung wurde deutlich, dass viele deutsche, aber auch rumänische Akteure an inhaltlich ähnlichen Projekten arbeiten, ohne einander jemals vorher begegnet zu sein oder sich zu kennen. Es war für alle ein Gewinn, sich auszutauschen und voneinander zu lernen. Das müssen wir in Zukunft verstärken. Anhand von Leuchtturmprojekten wie dem Kinderhospiz konnte bei staatlichen Stellen ein Bewusstsein für ihre Verantwortung und Zuständigkeit für solche Sozialprojekte geschaffen werden. Das ist zwar noch ein zartes Pflänzchen, aber der Weg ist richtig.  Von rumänischer Seite wurde der deutliche Wunsch nach Hilfestellung bei Fundraising, Sponsoring und Drittmittelakquise, zum Beispiel von EU-Mitteln, geäußert. Darin liegt ein weiterer Baustein für die Zukunft, der sich gut mit persönlicher Begegnung verknüpfen lässt. Durch solche Begegnungen könnten auch länderübergreifende Partnerschaften in die Wege geleitet werden.

Bücherregal vor der Stadtpfarrkirche in Hermannstadt.
Bücherregal vor der Stadtpfarrkirche in Hermannstadt.

Mittel- und Osteuropa ist kein einheitliches Gebilde, es gibt viel Unkenntnis und immer wieder auch gegenseitiges Befremden. Sind die Brücken nach Mittelosteuropa in den 30 Jahren stabiler oder fragiler geworden?
Kraft: In der Tat kann man nicht von einem einheitlichen Bild sprechen. Da sind einerseits die Staaten, die nach der Wende 1989/1990 EU-Mitglied geworden sind, andererseits die Länder außerhalb der EU-Grenzen. Es ist erschreckend, wie groß Armut und Not selbst in EU-Staaten wie Rumänien sind. Innerhalb der EU-Grenzen ist es leichter, stabile Brücken zu bauen und zu unterhalten. Die Übernahme sozialer Aufgaben und Verantwortung ist in den Ländern Mittelosteuropas sehr unterschiedlich ausgeprägt. Durch den an vielen Stellen zu beobachtenden Rechtsruck ist ein länderübergreifender Zusammenhalt, für den HfO eintritt, zwar schwieriger, aber umso wichtiger geworden. Ein weiterer Einschnitt ist zweifelsohne der russische Krieg gegen die Ukraine. Er hat zu einer deutlichen Verunsicherung geführt, aber auch zur Intensivierung der Beziehungen zu den Partnern in der Ukraine und ihren direkten und indirekten Nachbarstaaten. Die Beziehungen zu Projektpartnern in Russland sind dagegen schwieriger geworden. Sie sind aber mit Blick auf die Zeit nach dem Krieg sehr wichtig und werden eines Tages Anknüpfungsmöglichkeiten bieten. Da HfO in den diakonischen Werken und Landeskirchen verortet ist, also jeder Träger für seinen Bereich entscheidet, gibt es ein hohes Maß an Flexibilität und kurze Entscheidungswege. Von Beginn an mussten wir auf ständig sich verändernde Bedingungen reagieren, manchmal auch sehr kurzfristig. Aber HfO ist dazu motiviert und in der Lage, das haben die vergangenen 30 Jahre gezeigt.

Garten des Alten- und Pflegeheims Dr. Carl Wolff in Hermannstadt.
Garten des Alten- und Pflegeheims Dr. Carl Wolff in Hermannstadt.

  • 1.7.2024
  • Ekkehard Rüger
  • Sandor Patachi, Wolfram Keppler