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Hilfe in verschärfter Notlage - Staudernheimer Frauen spenden seit 20 Jahren für das Café Bunt

Nur eine kleine Auswahl der Spenden aus Staudernheim und Umgebung ist hier abgebildet. Die Gaben füllten gut einen Kombi. Doris Häfner-Kairo (links) von der Wohnungslosenhilfe der kreuznacher diakonie nahm sie kurz vor dem Heiligen Abend aus den Händen von Helga Stumpf (rechts) und Marion Unger entgegen.

Staudernheim/Bad Kreuznach. Wie jedes Jahr zur Weihnachtszeit spendeten Frauen der Evangelischen Kirchengemeinde Staudernheim für das Café Bunt in Bad Kreuznach. Die Aktion feiert ein kleines Jubiläum: Im Jahr 2000 ist sie erstmals im Protokoll des Presbyteriums vermerkt. 

„Seitdem zieht die Initiative Kreise“, berichtet Helga Stumpf, Kirchmeisterin der evangelischen Kirchengemeinde. Es schließen sich Frauen aus der Region von Meisenheim bis Monzingen, von Bad Sobernheim bis Hochstätten-Dhaun an und das Aufkommen steigt. „Schon Ende November kommen die ersten Nachfragen, ob wir wieder für das Café Bunt sammeln.“  Die Frauen leisten damit einen großzügigen Beitrag zur Weihnachtsfeier des Tagesaufenthalts für wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Frauen in der Bad Kreuznacher Kurhausstraße, die in diesem Jahr jedoch sozusagen „ambulant“ stattfinden musste. Gespendet wurden Gegenstände des täglichen Bedarfs wie Kosmetika, Hygiene-Artikel, Duschgel, Shampoo, Seife und Zahnpasta. Dazu kamen Gebäck, Kaffee und Tee sowie Süßigkeiten. 

Wegen der Corona-Pandemie ist der Tagesaufenthalt im Café Bunt derzeit geschlossen. Um eine Art Bescherung am Heiligen Abend zu organisieren, war fast Detektivarbeit nötig. Aus den kurz vor dem Heiligen Abend eingetroffenen Spenden aus Staudernheim packten die Mitarbeiterinnen Geschenkpäckchen, spürten die Frauen in ihren wechselnden Unterkünften telefonisch auf und verteilten die Gaben. Hinzu kam ein leckeres Weihnachtsessen, damit wenigstens ein Hauch von Weihnachtsstimmung aufkam. 

Das Café Bunt ist zurzeit nur eingeschränkt geöffnet. „Wir halten aber den Kontakt zu den Frauen, die sonst regelmäßig hier zu Gast sind“, erklärt Doris Häfner-Kairo von der Wohnungslosenhilfe der Stiftung kreuznacher diakonie. „Es gibt Essen to go das täglich hier gekocht und abgeholt wird.“ Es sei besonders wichtig, dass die Verbindung nicht abreiße, denn Begleitung und Beratung zielten darauf ab, den Frauen bald wieder eigene Wohnungen zu vermitteln. 

Corona verschärft die Lage der wohnungslosen Frauen dramatisch. Die wenigsten von ihnen sind im öffentlichen Raum sichtbar. „Sie versuchen, tageweise bei Freundinnen oder Bekannten unterzukommen, schlagen sich mit Couching durch, aber in Corona-Zeiten sind immer weniger Menschen bereit, ihnen Unterschlupf zu gewähren“, erläutert Doris Häfner-Kairo. Couching bedeutet, jemand stellt sein Sofa zur Verfügung, auf dem eine Frau ein paar Nächte lang eine Schlafstatt findet. Manche von ihnen prostituieren sich für eine solche Gelegenheit. „Das Café Bunt ist für sie praktisch ihr Wohnzimmer.“ Darum hat die Wohnungslosenhilfe das Café erweitert, es steht – nach einer Renovierung in frischen Farben – ein weiterer Raum zur Verfügung, der allerdings momentan nicht genutzt werden darf. 

40 bis 50 Frauen gehören zum engeren Kreis, die zu normalen Zeiten regelmäßig den Tagesaufenthalt besuchen. Dazu kommt die Notaufnahme mit vier Zimmern, die rund um die Uhr – auch während der Feiertage – geöffnet ist. Nach den Beobachtungen der Mitarbeiterinnen tritt die Not der Frauen derzeit deutlich zutage. „Die Frauen werden atemlos bei ihrer Suche nach einer Unterkunft, viele resignieren, werden depressiv“, erklärt Doris Häfner-Kairo. Umso wichtiger ist in ihren Augen, dass der Kontakt nicht abreißt und die Beratung weiterläuft. Die Mitarbeiterinnen, darunter eine aus Spenden finanzierte Sozialarbeiterin, arbeiten unter erschwerten Bedingungen und beraten in einem eigens hinter dem Café aufgebauten Zelt. Sie bedauert, dass die angeforderten Corona-Schnelltests erst nach einer langen Wartezeit eingetroffen sind. „Wir wurden von der Politik total vergessen, obwohl die Besucherinnen extrem gefährdet sind.“ In Bad Kreuznach wäre eine Fachberatung für wohnungslose Menschen ihrer Meinung nach dringend erforderlich. „Wir kommen kräftemäßig und finanziell an unsere Grenzen“, meint sie und betont: „Es gibt ein Menschenrecht auf Wohnen, aber kein Bewusstsein dafür.“

27.12.2020 - Marion Unger