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Sie kennen den Schmerz der Geflüchteten - Interkulturelle Kirchengemeinde gestaltet Mahnwache

Aus Afghanistan geflüchtet kann Nesar Ahmad Aslamyaar (rechts) den Schmerz der Geflüchteten aus der Ukraine nachempfinden. Pfarrer Bendix Balke übersetzte seinen Bericht.

Gideon Ansah (links) äußerte die Sorge, dass Geflüchtete mit dunkler Hautfarbe und nicht-christlicher Religion als zweitklassig behandelt werden. Pfarrer Bendix Balke lud zur Begegnung von Einheimischen und Neuankömmlingen ein.

Bad Kreuznach. Gut hundert Menschen fanden sich auf Einladung des Netzwerks am Turm zur zweiten Mahnwache „Für Gerechtigkeit und Frieden – Solidarität mit der Ukraine“ auf dem Bad Kreuznacher Kornmarkt zusammen. Gestaltet wurde sie von der Interkulturellen Kirchengemeinde An Nahe und Glan.

Die Bilder aus der Ukraine von Frauen und Kindern auf der Flucht gehen Nesar Ahmad Aslamyaar besonders nahe. Er flüchtete aus Afghanistan und lebt seit neun Monaten in Deutschland. „Auf der Flucht wurde ich von meiner Frau und meinen beiden Kindern getrennt, sie sind wieder in Afghanistan“, berichtete er. „Darum weiß ich, was diese Menschen empfinden.“ Sein Deutschkurs beginne erst in der nächsten Woche, erklärte er und bedauerte, dass er sich noch nicht auf Deutsch ausdrücken konnte. In flüssigem Englisch berichtete er über seine Erlebnisse und Gefühle.

„Die Menschen, die aus der Ukraine hierher kommen haben Glück“, meinte der junge Afghane. „Sie können sich jeden Ort in Europa aussuchen und sie können hier sofort arbeiten.“ Er selbst hatte es schwerer: Zweieinhalb Jahre lang musste er in einem Lager auf der griechischen Insel Samos ausharren, ehe ihm das erste Gespräch mit den Behörden zu seinem Asylersuchen ermöglicht wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte er eine dreieinhalbjährige Flucht hinter sich. 14-mal wurde er an der EU-Außengrenze abgewiesen. „Der Krieg zerstört alles, was uns wichtig ist, darum müssen wir alle Kriege beenden, nicht nur den in der Ukraine“, betonte er und fügte hinzu: „Ich kenne den Schmerz der Geflüchteten. Die Ukrainer sind jetzt Menschen in Not und ich möchte ihnen gerne helfen.“ 

Der Krieg in der Ukraine hat eine Welle von Hilfsbereitschaft ausgelöst. Wie bereits 2015 sind viele Menschen in der Nahe-Glan-Region bereit, sich ehrenamtlich in der Begleitung von Geflüchteten zu engagieren. Kontakte zwischen den rund 500 Ukrainern, die im Kreis Bad Kreuznach bisher angekommen sind, und den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern zu knüpfen, ist ein Anliegen der Interkulturellen Kirchengemeinde An Nahe und Glan. Vor einem Jahr ging sie als Erprobungsraum der Evangelischen Kirche im Rheinland an den Start und soll sich als eine neue Gemeindeform etablieren. Pfarrer Bendix Balke wies auf das Projekt „Aktiv für Flüchtlinge“ hin, das Einheimische und Zugezogene aus aller Herren Länder zusammenbringt. 

„Wir freuen uns, wenn die Menschen aus der Ukraine mit offenen Armen aufgenommen werden“, äußerte sich Balke und verwies auf die Willkommenskultur in Polen, das sich bisher gegen Geflüchtete abgeschottet hatte. Er äußerte jedoch auch die Sorge, dass mit zweierlei Maß gemessen und werde und unterstrich: „Die Nächstenliebe gilt allen Menschen in Not.“

„Es darf keine Geflüchteten erster und zweiter Klasse geben“, betonte auch Gideon Ansah und bekundete seinen Respekt für die Solidarität mit den Ankömmlingen. Der 18-jährige junge Mann ist hier geboren und entstammt einer Familie mit Migrationshintergrund. Er kritisierte die Feindseligkeiten gegen Geflüchtete mit dunkler Hautfarbe und nicht-christlicher Religion. „In Polen und Ungarn wird der Glaube aus rassistischen Motiven missbraucht“, mutmaßte er. Er sei davon überzeugt, dass Glaube und Nächstenliebe zu allen Menschen zusammengehören. „Nur so kann man den Anspruch gerecht werden, ein Christ zu sein.“

 „We shall overcome“, die Hymne der Friedensbewegung, angestimmt und begleitet von Wolfgang Kallfelz, erklang vielstimmig auf dem Kornmarkt. In Gesprächen am Rande der Kundgebung drückten viele Teilnehmende ein Dilemma ihrer Generation aus: Sie hatten in Büchel gegen Atomwaffen demonstriert, Menschenketten auf dem Hunsrück gebildet oder gegen den Nato-Doppelbeschluss protestiert. Nun sehen sie sich der Notwendigkeit gegenüber, viel Geld in die Aufrüstung der Bundeswehr zu investieren und Waffen in ein Krisengebiet zu exportieren. Viele stellt dies vor eine Gewissensfrage. 

24.03.2022 - Marion Unger