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Der Iran ist anders - Ein sechster Bericht aus Isfahan

Hier der fünfte Bericht aus Isfahan:

Superwoman

In einer alten Fabrikhalle am Rande von Isfahan trifft sich dreimal die Woche eine Hand voll Superheldinnen. Im Alltag tarnen sie ihre gestählten Körper unter schwarzen Mantos und bunten Kopftüchern. In Wahrheit besitzt aber jeder einzelne ihrer Finger so viel Kraft wie der gesamte sagenumwobene Pahlavan Rostam1. Senkrechte Wände sind hier schon lange keine Herausforderung mehr, geklettert wird in der Horizontale, drei Meter über dem Mattenboden. Bewaffnet nur mit Kreide an den Händen und Kletterschuhen an den Füßen trotzen Mariam, Shakufe und Atusa gutgelaunt den Gesetzen der Schwerkraft. Mit „mashallah dokhtar“ 2 werden besonders waghalsige Manöver kommentiert, wobei die in die Wand geschraubten Griffe immer kleiner, die Abstände zwischen ihnen immer größer werden. 

Wenn die Kreide von den Händen gewaschen ist, Nackenmuskeln unter Kopftüchern verborgen und hautenge Sportleggins gegen verbeulte Jeans getauscht sind, geht es durch die Hallentür zurück ins normale Leben, wird über den Verkehr geflucht, werden Pläne fürs Abendessen geschmiedet. Nur die klebrigen Datteln in Tahin, erinnern dann noch an die Anstrengungen der letzte Stunden, wenn sie zur Stärkung durchs Auto gereicht werden. 

 

God is a fan of Love

Morjane3 ist ziemlich durch den Wind, als sie uns vom Kreisel abholt. Wir sind früher als erwartet angekommen und als ich angerufen habe was unsere Gastgeberin gerade noch beim Nägel-Machen. Trotzdem empfängt sie uns herzlich. Bevor sie uns zum Haus ihrer Familie bringt, fahren wir zu einem kleinen Bach am Rande der Stadt. Wir bleiben sitzen und beobachten wie Morjane einen zerknüllten Zettel in das träge dahinfließende Wasser wirft. Zurück im Auto, da kennen wir uns noch keine viertel Stunde, erklärt uns die junge Frau, dass sie Liebeskummer hat und mit dem Ritual Gott um Hilfe bittet. Sie ist gläubige Muslimin. Während wir weiterfahren streicht Morjane sich immer wieder mit den neuen, rot leuchtenden Fingernägeln durchs Gesicht, zupft das Kopftuch zurecht, dass unentwegt gen Nacken rutscht und tippt Telegramm Nachrichten in ihr Handy. Und sie erzählt: Vier Jahre schon ist sie mit ihrem Freund zusammen. Das heißt, gerade nicht mehr. Denn vor einem Monat haben sie sich getrennt, oder Pause gemacht, so sicher ist sie sich nicht. Probleme gibt es viele, das größte aber ist, dass beide Familien die Beziehung ablehnen. Seit vier Wochen schläft Morjane nicht mehr richtig, ist depressiv, kann sich nicht konzentrieren. Heute aber haben sie das erste Mal wieder telefoniert und sich für den nächsten Tag verabredet. Deswegen auch die neuen Fingernägel, deswegen ist Morjane so durch den Wind. Am Abend sitzen wir auf dem Boden in ihrem Zimmer, trinken Tee und Morjane erzählt die Geschichte von Leili und Majnoon. 

„Es gab einmal, vor vielen hundert Jahren einen Bauernjungen, der war in die Tochter des Königs, in Leili, verliebt und sie auch in ihn. Der König will seine Tochter natürlich nicht an einen Habenichts verheiraten und so zeigt er Majnoon einen Berg und sagt, wenn du es schaffst einen Weg durch den Fels zu schlagen, darfst du meine Tochter heiraten. Besinnungslos vor Liebe macht Majnoon sich an die Arbeit und voller Furcht sieht der König, dass das Loch im Fels immer größer wird. Als alte Frau verkleidet kommt er zu Majnoon und verkündet ihm, Leili sei gestorben. Ohne Leili will Majnoon nicht leben, darum nimmt er es sich. Als Leili schließlich kommt um zu sehen, wie weit ihr Geliebter mit dem Fels ist, findet sie ihn dort liegen. Ihr Schmerz ist unerträglich und so nimmt sie seine Hacke und erschlägt sich.“ 

Bisotun ist ein Felsmassiv, östlich von Kermanshah. Neben kaiserlichen Reliefs von 500 vor Christus ist dort auch ein großes Loch in die Wand geschlagen und Legenden sagen, es sei das Wahnsinnswerk von Majnoon für seine geliebte Leili. Dorthin, an den Fuße des Felsens, fährt Morjane am nächsten Tag mit ihrem Freund, während wir als Alibi herhalten und alleine über den Bazar streunern. Weil die Familien die Beziehung ablehnen, kann sich das Paar nur in der Öffentlichkeit treffen. In der Öffentlichkeit aber gilt islamisches Recht, Frauen und Männer müssen Abstand wahren, wer Händchen hält riskiert eine Verhaftung durch die Sittenpolizei. Wo bleibt da Raum für Zärtlichkeit, verliebte Zweisamkeit? 

Das Treffen war gut und Insha’allah, wird nun alles besser. Dafür wird Morjane beten, denn sie ist sich sicher: „God is a fan of Love, he will help me.“

 

Noruz

Von oben betrachtet muss der Iran am letzten Mittwoch eines jeden Jahres ein wahres Lichtermeer sein. Dort wo die privaten Gärten einen dichten Ring um die Städte ziehen, leuchten Lagerfeuer in die dunkle Nacht. Laute Musik dröhnt über die hohen Mauern der Grundstücke, Kinder wuseln in der Einfahrt herum und begrüßen die Neuankömmlinge, während im Gartenhaus noch letzte Vorbereitungen für das Essen getroffen werden.  Wer das Schlechte im alten zurückzulassen und alles Gute für das neuen Jahr willkommen heißen möchte, muss an diesem Abend über sieben Feuer springen. Und mit ein bisschen Anlauf ist das tatsächlich machbar. Selbst die Großmütter, kleine Kinder auf den Armen ihrer Väter, ein Onkel mit zwei eingegipsten Füßen und ängstliche Ausländerinnen werden von der allgemeinen Euphorie eingeholt und wagen einen Versuch. Den Rest des Abends wird ausgelassen getanzt und während iranische Hüften schwingen und Füße stampfen, werden ich von Onkel zu Tante zu Cousin, von Selfie zu Selfie weitergereicht. 

Der letzte Abend des Jahres wird im Kreise der Familie verbracht. Das neue Jahr beginnt bei Sonnenuntergang und im staatlichen Fernsehen zählt ein schnieker Moderator die Minuten, interviewt Mullahs und erzählt Geschichten aus dem vergangenen Jahr. Auf dem Wohnzimmertisch schwimmen zwei kleine Goldfische stumm ihre Runden im Glas, immer wieder vorbei an Schalen mit Essig, Knoblauch, Münzen, Äpfeln, getrockneten Beeren, dem Gewürz Sumak und einer grünen Sturmfrisur aus gekeimten Weizen. Diese Haft-Sin, sieben Dinge die mit dem Buchstaben „S“ beginnen, symbolisieren die Wünsche für das neue Jahr. In den letzten Minuten sitzt die Familie auf den Sofas verstreut, die Eltern betend, die Kinder mit ihren Handys beschäftigt. Schließlich fallen sich alle nacheinander um den Hals, der Vater verteilt „Eidi“ und steckt allen einen Geldschein zu. Das Jahr ist noch keine zwei Minuten alt, da klingelt schon das erste Handy, Freunde und Verwandte rufen an, werden angerufen, Handys werden weitergereicht, bis wirklich Alle Allen ein frohes neues Jahr gewünscht haben.

In den nächsten zwei Wochen herrscht Ausnahmezustand. Ganz Iran ist am Reisen. Wer in der Wüste wohnt, fährt in den grünen Norden, die großstädtischen Teheraner zieht es in kurdische Bergdörfer und wer vom Land kommt staunt über die Paläste der Metropolen. Hotels und Mosaferkhanes sind überbucht, in den Stadtparks werden Zeltstädte errichtet und wer selber nicht unterwegs ist holt jeden Abend aufs Neue die Gästematratzen für reisende Verwandte aus dem Wandschrank. Nicht selten steigen sechs oder sieben Menschen aus einem kleinen Peugeot, der schon durch das riesige Gepäckbündel auf dem Dache völlig überladen ist. Und obwohl alle schönen Orte furchtbar überlaufen sind, obwohl Bustickets ausverkauft sind und sich überall Schlangen bilden, scheint die allgemeine Heiterkeit unanfechtbar. In Parks, an Flüssen, in Wäldern, auf Grünstreifen und Verkehrsinseln wird gepicknickt, Tee getrunken, Volleyball gespielt. Und über allem hängt in schweren Wolken der Duft von Juje-Kebab. ___________________

1  persischer Nationalheld aus Ferdousis „Buch der Könige“

2 „Mashalla (nichtübersetzbar) Tochter!“

3  Name geändert

4 Noruz ist das Persische Neujahr