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Der Iran ist anders - Ein fünfter Bericht aus Isfahan

Hier der fünfte Bericht aus Isfahan:

Nushe-Jun

Früh am Morgen befördert das mittlere Taxi in der gelben Wagen Reihe vor dem Meidane Jolfa keine Fahrgäste sondern dient als Frühstückstisch. Auf der Kofferraumklappe steht ein großer Blechteller mit Omelette und Tomaten, ein Fahrer hat vom Bäcker gegenüber frisches Brot geholt. Während der Rest der Stadt langsam erwacht, während noch müde Menschen sich auf den Weg zur Arbeit oder in die Uni machen und die nachts leeren Straßen wieder mit Leben füllen, stehen Die Taxifahrer aus Jolfa um diese Kofferraumklappe herum und lassen es sich schmecken, plaudern und genießen die ersten Sonnenstrahlen des Tages.

Fünfzehn Leute sitzen auf zwei Picknickdecken im Kreis am Fuße einer Felswand. Der Inhalt von sieben kleinen Blechtöpfen wird nach und nach auf Campingkochern aufgewärmt: Reis mit Rosinen, Reis mit Linsen, Kartoffeln mit Tofu, Reis mit Hühnchen, Makkaroni mit Tomatensauce, Köfte-Shirazi, Reis mit Gemüse. Jeder hält einen Löffel in der Hand und alles wird probiert, herumgereicht, angeboten, mit der Beteuerung: „Kein Tarof – jetzt nimm schon!“.  Als Nachtisch gibt es Obst, süße Orangen und saure Kiwis, deren Saft auf den vom Klettern wunden Fingern brennt. Tee und Datteln, Rosinen und Kerne werden aus Tüten in die Hände des Sitznachbars gelegt, ein Teil behalten und der Rest an den Nächsten weitergereicht. Auf dem Campingkocher zieht Tee in einem kleinen Kessel und überall wird verzweifelt die Dose mit den Zuckerwürfeln gesucht. 

Immer wenn die Zeit knapp ist oder der Hunger groß und die Müdigkeit überwältigend, nach einem Tag in den Bergen oder einer langen Reise mit dem Bus, gibt es nichts Besseres als Osh. Im Imbiss um die Ecke kennt man unsere WG und unser Liebe zu dem Eintopf aus Hülsenfrüchten, Nudeln und Kräutern, garniert mit gebratenen Zwiebeln, Minzöl und Joghurtsoße. Meistens beantwortet das breite Grinsen oder bedauernde Kopfschütteln des Kochs, die Frage ob es noch Osh gibt, schon bevor die erste Begrüßungsfloskel gesprochen wurde. Und wenn ich nur eine Portion hole, fragt er mich besorgt, ob es den anderen gut geht, ob wir Streit haben. Denn was sonst könnte erklären, dass ich heute alleine esse?

 

Fatima al-Masuma

Dort wo Fatima al-Masuma die Unschuldige liegt, ragt eine goldene Kuppel gen Himmel. Als Tochter und Schwester der Imame Reza und Musa genießt Fatima nicht nur durch ihre Familienzugehörigkeit Heiligenstatus sondern auch auf Grund ihres herausragenden Intellekts und ihres umfassenden Studiums der Islamischen Wissenschaften. In Qom wurde sie begraben und macht die Stadt damit nach Mashhad zum zweitwichtigsten schiitischen Wallfahrtsort im Iran. Ihr Schrein wurde über die Jahre unter der Schirmherrschaft von weiblichen Mitgliedern der unterschiedlichen Herrscherfamilien immer weiter ausgebaut. Nach Fatimas Tod ließen sich islamische Gelehrte im Schatten ihrer letzten Ruhestätte nieder und begründeten so die Anfänge der Stadt als Metropole für Islamische Wissenschaften.

Der Schrein bildet das Zentrum der Stadt.  Ein großer heller Platz, gesäumt von Süßigkeiten- und Souvenirläden, verbindet das Heiligtum mit einer von außen schicken aber relativ leeren Shopping-Mall. Islamische Geistliche jeden Alters laufen mit wehender Aba geschäftig durch die Straßen, viele mit Aktentasche in der Hand, manche mit Handys am Ohr. Schwarz ist hier die Farbe der Kleidungswahl um nicht aufzufallen. Umso kräftiger leuchten die grünen Tücher, die als Schal um den Hals, als Stirnband um den Kopf und manchmal auch um die Hüfte gebunden ihren Träger oder ihre Trägerin als Nachfahre des Propheten Mohammeds kennzeichnen.

Fatima’s Schrein ist voller Leben und irgendwie bunter als die Straßen davor. Kinder flitzen in den Innenhöfen umher, Familien breiten ihre Picknickdecken auf den Terrassen aus, Selfies werden geschossen und Sonnenbrillen auf den Nasen zurechtgerückt. Das Gold der Kuppel und die kristallenen Kronleuchter im Inneren des Schreins glitzern um die Wette. Frauen, die normalerweise keinen Tschador tragen, werden beim Betreten des Komplexes in pastellig geblümte Ausleih-Exemplare gehüllt, die in den Höfen zwischen den schwarzen Standardtschadors der gläubigeren Frauen hervorleuchten. Pilger aus Nah und Fern beten hier, und genießen den milden Frühlingstag und manchmal weht durch den Trubel ein Satz Arabisch von einer Irakischen oder Libanesischen Pilgergruppe zu mir herüber. 

 

Arak Qeshmesh

Aus Gewohnheit ziehe ich beim Betreten der Wohnung die Schuhe aus und erkenne zu spät dass alle Teppiche beiseite geräumt wurden und ich auf dieser Geburtstagsparty in meinen Socken ziemlich alleine dastehe. Meine ausgetretenen Turnschuhe hätten allerdings sowieso weder mit den High-Heels der Ladies noch mit den glänzenden Lackschuhen der Herren mithalten können. Im Angesicht von Anzügen und Cocktailkleidern fühle ich mich ziemlich underdressed, was durch die Frage der Gastgeberin, ob ich mich nicht noch umziehen möchte, keinesfalls besser wird. Ein wenig steif sitzen die restlichen Gäste auf der elterlichen Wohnzimmergarnitur verteilt, versuchen sich in Smalltalk und wippen mit den Füßen vorsichtig im Takt zu den iranischen Hits die in gemäßigter Lautstärke aus einer überdimensionalen Box fließen. Der tatsächlich Startschuss der Party ist Reza’s geflüsterte aber für alle, die es hören wollten, hörbare Einladung hinter den Küchentresen. Feierlich werden zwei Flaschen Arak Qeshmesh aus dem Kühlschrank gezaubert und in die Shot-Becher der Umstehenden gefüllt. (An dieser Stelle Frage ich mich immer, mit welcher Begründung Supermärkte in einem Land, in dem Alkohol offiziell verboten ist, 0,2cl-Pappbecher im Sortiement haben.) Als der Schnaps langsam zur Neige geht, schaltet irgendwer das Licht aus und dreht die Boxen auf. Ein Lasergerät wirft leuchtende Delphine, Sonnen und Sterne an die Wand und die eben noch leere Wohnzimme-rmitte verwandelt sich in einen trubeligen Dancefloor. Die Musik ist eine ziemlich gute Mischung aus Latino-Rhythmen, Iranischer Popmusik und Hip Hop, so gut, dass sogar manche High-Heels unter die Sofas geschoben werden und barfuß weitergetanzt wird. Um kurz vor zwölf geht das Licht wieder an, emsig werden die gröbsten Spuren des Abends beiseite geräumt, in der Küche wird Platz gemacht. Denn kurz darauf kommt die Mutter der Geburtstagskinder, beladen mit Kebab, gegrillten Tomaten und frischem Brot hereingeschneit und wird in feinstem Tarof nicht müde sich zu entschuldigen, dass es so lange gedauert hat. Nach dem Kebab gibt es Kuchen, und nach dem Kuchen gibt es Tee und dann sind alle ziemlich müde, die Damen ziehen sich um, werfen Manto und Schleier über und machen sich, wie ich, in Turnschuhen auf den Heimweg.

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Nushe-Jun: heißt „guten Appetit“

Tschador: ein großes Tuch, das richtig getragen Haar und Körper verdeckt

Arak Qeshmesh: iranischer Rosinen-Schnaps

Manto: ein Mantel ähnliches Kleidungsstück, das im Iran zur weiblichen Kleiderordnung gehört