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Der Iran ist anders - Ein Bericht aus Isfahan

Hier der zweite Bericht aus Isfahan:

Kerne

Ich sitze, von fremden Armen und Beinen eingekeilt, auf der Rückbank eines Minivans und knacke mit meinen Schneidezähnen in Salz geröstete Sonnen- und Kürbiskerne. Die Schalen verteile ich auf meinem Schoß, in meinem Kopftuch und den Kleidern meiner Mitfahrer, aber das ist okay, alle machen das so. Sowohl meine Gliedmaßen als auch meine Zunge werden langsam taub, aus Platzmangel und Salz im Überfluss und ich denke mir, was ich für ein Glückspilz bin. Es geht irgendwohin, wohin ist nicht so wichtig, denn dieser Moment wiederholt sich, wiederholt sich auf jeder Reise die mich in ferne Dörfer, Berge und Landschaften führt. Während zwischen Teheran und Isfahan, Yazd, Mashad, Shiraz und allen anderen großen Städten VIP-Reisebusse ihre Fahrgäste mit einem Komfort vom Start zum Ziel befördern, welcher sämtlichen deutschen Fernbusgesellschaften die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste, sind die Minibusse der Provinz furchtbar unbequem und trotzdem die allerschönste Art zu Reisen. Eingeschlafene Gliedmaßen lassen sich schnell vergessen, wenn Wüste und Gebirge vor dem Fenster vorbeiziehen. Wenn Brotchips, Kerne und Datteln durch den Bus gereicht werden und ein Mitfahrer Iranische Volkslieder anstimmen. Wenn der Wind durch das undichte Fenster zieht und langsam die rote Sonne auf den Horizont hinab sinkt. 

Unterbrochen werden diese Fahrten von Stopps zum Tanken. Irgendwo im nirgendwo werden alle gebeten auszusteigen und sich um die nächste Hausecke in Sicherheit zu bringen, denn getankt wird Gas und obwohl alles ganz sicher ist und wir die restliche Fahrtzeit quasi auf dem Gastank sitzen, möchte beim Öffnen des Tankdeckels niemand so gern daneben stehen. Manchmal ist der Bus auch zu voll um den nächsten Hügel zu bezwingen, vor allem wenn er eine Horde Bergsteiger mitsamt Ausrüstung befördert. Die „Chanum“ darf dann sitzen bleiben, während der Rest der Bande neben den Bus her trabt. Rückwärts den Hügel hinab und dann mit Anlauf in Schlangenlinien zwischen Fahrbahn und Gegenfahrban wieder herauf, so sind wir bis jetzt noch immer ans Ziel gekommen.

Das zweite Wohnzimmer

Jolfa heißt das Armenische Viertel Isfahans und ist gleichzeitig das Zentrum für guten Kaffee und Frauen mit „bad Hijab“. Im 16 Jahrhundert beschloss Shah Abbas I. die Metropole Isfahan mit ein paar Christen und deren Talenten aus dem Norden zu bereichern. Kurzerhand wurden mehrere 1000 Armenier umgesiedelt um Kunst, Handwerk und Handel zu fördern. Neben mehreren farbenprächtigen Kirchen hat in Jolfa auch der relativ liberale Lebensstil seiner Bewohner den Umbrüchen der Islamischen Revolution standgehalten. So füllt sich der Meidane-Jolfa Tag für Tag bei Sonnenuntergang mit einer kunterbunten Menge an Menschen. Ältere Herren sitzen auf den Bänken und diskutieren angeregt, während ältere Damen scheinbar das Geschehen auf dem Platz kommentieren. Junge Frauen rauchen Zigaretten und lassen wie zufällig ihren Schleier in den Nacken rutschen. Um all das kreisen übermütige Jugendliche auf ihren Motor- und Fahrrädern, führen Kunststücke auf und fallen dabei hin und wieder auf die Nase. Der Platz ist Treffpunkt und Beobachtungspunkt für schöne junge Frauen und Männer, die Stimmung immer ausgelassen, voller Lachen und Überschwang. Über all dem liegt der Duft von frischgebackenem Barbari-Brot, das aus der Bäckerei um die Ecke stapelweise über den Platz zum Abendessen getragen wird. Am allerbesten schmeckt das lange dünne Fladenbrot aber noch warm auf einer der Steintreppen am Platz. Hier sitze ich also. Zum Schreiben, zum Lesen, zum Schauen und zum Nichts-Tun, mal in der Mittagssonne - mal im abendlichen Trubel. Wenn es irgendwann zu bunt wird tauchen wie aus dem Nichts eine Handvoll Soldaten und die Sittenpolizei auf. Dann verteilt sich die Menge innerhalb von Minuten in den umliegenden Straßen und Gassen und der Platz gehört bis zum nächsten Sonnenuntergang wieder den Katzen und Touristen.

Char tu Char

Ich bin schnell wie der Wind, bloß das der Wind in umgekehrter Richtung stürmisch an meinem Kopftuch zerrt. Seit ein paar Wochen bin ich stolze Besitzerin eines neon-grün weißen Fahrrads und genieße es mich vollkommen unabhängig von den mal mehr – mal weniger zuverlässigen Öffentlichen Verkehrsmitteln durch Isfahan zu bewegen. „Char tu Char“ - „Esel in Esel“ heißt es wenn der Feierabendverkehr Isfahans Straßen in einen zähflüssigen, übelriechenden Strom aus Blech und Gummi verwandelt. Und während ich versuche möglichst flach zu atmen und mich auf meinem Drahtesel zwischen den Autos hindurch schlängele wünsche ich mir, sie würden sich tatsächlich in lastentragende Vierbeiner verwandeln. Fahrradfahren ist hier ein wahres Abenteuer, die Teilnahme am Straßenverkehr ein kleiner Kampf in dem sich unterschiedliche Allianzen bilden. Während die dicken Geländewagen grundsätzlich auf niemanden achten hält die Minderheit an Radfahrern zusammen, mindestens mit aufmunternden Blicken und ermutigenden Grüßen. Frauen in Autos halten für Frauen auf Fahrrändern. Wenn sich Frauen auf Rädern begegnen ist die Freude besonders groß, und wird manchmal ausgedrückt in einem High von Rad zu Rad. Fußgänger stellen das letzte Glied der Nahrungskette dar und sind vor heranbrausenden Autos, Motorrädern und Fahrrädern bloß durch drohende Geldstrafe vor dem Überfahren werden geschützt. Und solange alle aufpassen hat das ganze Chaos doch System und funktioniert erstaunlich gut. 

Auf meinem morgendlichen Weg in die Uni fahre ich den längsten Teil des Weges auf den sonnenbeleuchteten Gipfel des Kuh-e-Sofeh zu. Die Universität ist die wohl konservativste Einrichtung in meinem Alltag. Frauen auf Rädern sind dort nicht erwünscht und so gilt es ungesehen am Sicherheitsdienst des Eingangs vorbeizuflitzen um mein Rad die 300 Meter bis zu meinem üblichen Laternenstellplatz nicht schieben zu müssen. Ungefähr genauso oft wie die Ermahnungen der Sicherheitsmenschen am Uni-Eingang höre ich auf meinem Weg durch die Stadt die fragende Aufforderung „Taxi, Madame?!“, ungeachtet der Tatsache das ich auf meinem Fahrrad sitze. Ob die Taxifahrer denken, dass ich auf ihre Erinnerung an ein bequemeres Verkehrsmittel hin, mein Rad an der nächsten Ecke abstelle und zu ihnen ins Taxi springe oder ob sie mich tatsächlich mitsamt Fahrrad zu meiner Wunschadresse transportieren möchten, bleibt mir ein Rätsel.