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Der Iran ist anders - Ein Bericht aus Isfahan

Eine junge Frau studiert in Freiburg „Liberal Arts and Sciences“. Zwischen Freiburg und Isfahan existiert schon seit einigen Jahren eine Städtepartnerschaft und so ist auch ein Austauschprogramm zwischen der Universität Isfahan und der Universität Freiburg entstanden.

Da der Iran sich in vielerlei Hinsicht von den arabischen Ländern unterscheidet ist es für sie eine gute Gelegenheit neue Eindrücke zu sammeln. Gerade über das alltägliche Leben, die Menschen, die Gesellschaft und die persische Kultur wird in Deutschland fast nicht berichtet, Nachrichten bezüglich Irans Außenpolitik dominieren das mediale Bild. 

 

Hier der erste Bericht:

Anarestan

Ich lebe nun im Land der Granatäpfel.

Jedes mal, wenn die hellrote Schale vor meinen Augen entzwei gebrochen wird, freue ich mich wie ein kleines Kind über die Schönheit der Frucht und kann es kaum erwarten die unzähligen kleinen Rubine aus ihrer ebenmäßigen Anordnung zu pulen. Süß und ein bisschen sauer. Zum Schluss bleiben nur die kleinen weißen Kerne, die sich zwischen meinen Zähnen verkantet haben.

Muharram

Vor 1337 Jahren wurde Imam Hussein, Enkel des Propheten Mohammed, in Kerbela getötet. Und obwohl der Name außerhalb des Schiitentums wohl nur den Wenigsten etwas sagen wird, glaube ich, dass es nie einen Menschen auf der Welt gab um den bis heute mehr Tränen geweint wurden. Im Jahr 680 war Hussein Anführer eines Aufstandes gegen die Herrschaft der Umayyaden, um seinen eigenen Anspruch auf das Kalifat geltend zu machen. Da aber die zuvor zugesicherte Unterstützung aus der mesopotamischen Bevölkerung ausblieb wurde Hussein mitsamt seinem Gefolge vernichtend geschlagen. Der Streit um die rechtmäßigen Herrschaft über die Islamische Welt, der Tod Husseins und die Niederlage seiner Anhänger führten letztendlich zur Trennung des Islams in Schii’a und Sunni.

Die Trauer um den Tod Husseins und die Schuld der schiitischen Bevölkerung an dieser Tragödie wirken bis heute nach. In den ersten zehn Tagen des Monats Muharram wird im Schiitentum um Hussein und seine Anhänger getrauert. Zehn Tage lang dröhnen Trommelschläge durch iranische Straßen, wehen grüne und rote Fahnen in der windstillen Hitze und schwarze Tschadors um die Knöchel der Frauen, werden mehrere Millionen Gläser Tee ausgeschenkt und ungezählte Tränen geweint. Jeden Tag wird einer anderen Episode aus der Schlacht um Kerbala gedacht. Da ist der Säugling der vom Feind getötet wird, oder Abu l-Fazl, der sich aufopfert um Wasser für die Durstigen zu bringen. Und eben Hussein der schließlich am 10. Tag an Aschura selbst sein Leben verliert. In der ganzen Stadt werden Zeremonien abgehalten, in denen ein Vorsänger die aktuelle Episode der Schlacht halb singend halb schluchzend, mal kleinlaut, mal anklagend vorträgt. In der Moschee am Naqshe-Jahan ist eigens dafür ein Zelt im Hof aufgebaut und mit Teppichen ausgelegt worden. Dunkel ist es. Die schwarze, trauernde Masse verschlingt jeden Lichtstrahl, der sich vom hell leuchtenden Platz in die Zeremonie verirrt hat. Kinder springen zwischen den weinenden Frauen umher. An bestimmen Stellen in der Liturgie schlagen sich die Männer auf der anderen Seite des Vorhangs rhythmisch auf die Brust, ein Trommelchor aus tausend Körpern, schön und schaurig zugleich.

Um 7.00 Uhr morgens an Aschura in einem mehrere hundert Jahre alten Steinhaus wird die gleiche Zeremonie gefeiert und doch ist die Stimmung um Welten anders. Es ist hell, die Frauen sitzen vorne, die Männer hinten. Man sieht sich. Der Teppich ist weich und der Hof trotz Balldachin lichtdurchflutet. Tee schwebt auf Silbertabletts durch die Menge, am Eingang gibt es Frühstück; Brot, Ei und Datteln. Schläfrig und ein bisschen feierlich fühle ich mich. Eine Ehre scheint es auf beiden Seiten zu sein. Dass mein blauer Manto viel zu bunt, meine Ärmel zu kurz und mein Kopftuch zu leger für diese Angelegenheit ist, scheint niemanden zu stören, im Gegenteil. Ich habe das Gefühl willkommen zu sein. Drei Gläser Schwarztee und zwei Stunden später ist die Ruhe des Morgens dem Trubel des Tages gewichen. Prozessionen ziehen durch die Stadt, junge Männer balancieren Fahnen an schweren Holzmasten, dahinter Trommeln und Blasmusik und hinter denen wiederum Männer die sich im Takt der Trommeln leichte Eisenketten auf die Schultern schlagen.

In der Zeit von Muharram wird an jeder zweiten Straßenecke kostenloses Essen verteilt: Reis mit Linsen, Kuchen und Kakao. Milchreis mit Safran und Pistazien wird durch Taxifenster gereicht und Osh köchelt in Badezuber großen Töpfen vor sich hin. „Von Hussein für dich.“ An Aschura wird für dieses Gemeinschaftsessen in jedem Viertel ein Tier geschlachtet. Dort wo wir gerade stehen ist es eine schwarz-weiße Kuh, ein großes, ein schönes Tier. Unzählige Smartphones dokumentieren den Kampf, das letzte Zucken, das viele Blut auf der staubigen Straße. Nach einer Viertelstunde ist alles vorbei, letzte Spuren werden mit Hochdruck von der Straße entfernt und der Zug zieht weiter in Richtung Naqshe-Jahan, dem Treffpunkt aller Fahnenträger, Marschbläser, Trommler und Selbstgeißler. Während wir bald vor unserer Müdigkeit und der Hitze kapitulieren gehen die Zeremonien und Prozessionen noch stundenlang weiter.

Obwohl ich abends noch zu dem Klang von Trommelschlägen und Trauergesängen eingeschlafen bin ist am nächsten Morgen alles vorbei. Ein kollektives Aufatmen bringt das alte Leben zurück, Teestände werden abgebaut und Leichtigkeit und Farbe kehren in die Stadt zurück.

Kunavadi

Noch ist es warm, Sommer fast. Im deutschen Sinne Hochsommer. So warm jedenfalls, dass sich die Mittage am besten an einem kühlen Ort und ohne körperlicher Anstrengung verbringen lassen. Und so werden Berge hier grundsätzlich nur morgens und abends bestiegen, zu Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Kuh-e-Sofeh ist der Schlossberg Isfahans, bloß höher, steiler und baumlos. Wanderwege haben hier ihren ganz eigenen Charme, schlängeln sich meist dicht an einer Steilwand entlang und sind quasi nie befestigt. Während mir bei meinem ersten Aufstieg langsam der Atem ausgeht und ich mich innerlich dazu beglückwünsche meine Wanderstiefel eingepackt zu haben, hüpfen Iranische Männer, Frauen und Kinder Bergziegen gleich, manche in Sandalen oder Tschador, an mir vorbei dem Gipfel entgegen. Egal wie viele Höhenmeter bewältigt werden, obligatorisch ist der Schwarztee, der entweder in einer Thermoskanne auf den Berg getragen oder aber oben angekommen mit einem Gaskocher frisch zubereitet wird. Die Natur, der Berg, der Tee, das Picknick sind die großen Freuden vieler Iraner. Alles wird ein bisschen zelebriert und von Floskeln und guten Grüßen begleitet. Und ich kann sie verstehen. Es gibt kaum Schöneres als das Gefühl wenn der Gipfel erklommen ist, die Beine müde sind und sich um mich herum die sonst ungeahnte Größe Isfahans offenbart. Wenn Wüste und Gebirge in der blauen Ferne ineinander fließen und das Staunen für einen Moment lang absolute Stille bringt. Nie schmeckt der Tee besser als dort wo ich dem wolkenlosen Himmel am nächsten bin, mit einem Stück Würfelzucker zwischen den Zähnen, das mit dem ersten heißen Schluck in meinem Mund zerfällt.

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Anmerkungen:
Anarestan: Anar bedeutet Granatapfel, -stan macht daraus ein Land
Muharram: ist der erste Monat im Islamischen Kalender und Trauermonat im Schiitentum
Kunavadi: bedeutet Bergsteigen